die beiden Frauen ein Versprechen und stecken sich
gegenseitig einen Ring an den Finger. Dann legt Annette
Muhr-Nelson beiden die Hand auf den Kopf und spricht
den Segen aus.
„Für mich war es auch das erste Mal“, gesteht die Super-
intendentin nach der Zeremonie. Wenn gleichgeschlecht-
liche Partner den kirchlichen Segen erhalten wollen, dann
muss erst das Presbyterium zustimmen. Anschließend
gilt es, einen Pfarrer zu finden, der die Segnungsfeier
durchführt. In Bergkamen sei das bislang noch nicht
vorgekommen. Lediglich vier gleichgeschlechtliche Paare
sind eine Lebenspartnerschaft eingegangen. Aber vielleicht
trauen sich durch die Sarpes in Zukunft noch einige mehr.
Anregung: Warum ist es den beiden Frauen, genauso
wie vielen heterosexuellen Paaren wichtig, sich kirchlich
trauen zu lassen? Wie wird der Segen für die beiden Frauen
religiös begründet?
M 13 Homosexualität in der Antike und im Neuen
Testament
1) Das Wort „Homosexualität“ – ein moderner Begriff
Die Sprache gibt erste Hinweise. Das Wort „Homosexua-
lität“ ist ein moderner Begriff, ein Konstrukt des 19. Jahr-
hunderts, ... Erst seitdem spricht man von der „Lebensform
Homosexualität“, kann sich ein Mensch als „Homosexu-
eller“ begreifen. Das, was wir heute unter „Homosexualität“
verstehen, ist ein neuzeitliches Phänomen. Nach Auskunft
der Gelehrten kennt dagegen keine antike Sprache Worte
für Hetero- oder Homosexualität. Wenn man überhaupt
einen Begriff als Oberbegriff identifizieren kann, dann ist
es der der „Päderastie“. Im Griechischen und Lateinischen
findet sich jedoch eine Fülle von Ausdrücken, die sexuelle
Rollen und Praktiken bezeichnen und in hierarchischer
Weise einander zuordnen. Das sind deutliche Indizien
dafür, dass die Antike Sexualität in einem anderen Sinnzu-
sammenhang erfährt und versteht als wir heute.
2) Die gesellschaftliche Ordnung im römischen Reich
Dieser Sinn erschließt sich aus dem Leitbild der für
antikes Verständnis fundamentalen Differenz von weiblich
und männlich. Sie wird inhaltlich bestimmt als die von
„unten“ und „oben“, „passiv“ und aktiv“, „erleidend“
und „handelnd“, „weichlich“ und „stark“, „empfangend“
und „gebend“, usw. Die so definierten Geschlechterrollen
gelten als durch die Natur vorgegeben und unabänderlich.
Dieses fundamentale Gegenüber von männlich und weib-
lich prägt antikes Leben, die Arbeitsteilung, die soziale
Hierarchie, und eben auch die Sexualität.
Die Übertragung der sozialen und politischen Wirklichkeit
auf die Ebene der Sexualität realisierte sich in der Antike in
erster Linie im Verhältnis von Frau und Mann, aber nicht
ausschließlich. Für die soziale und sexuelle Hierarchie
im imperialen Rom spielt die Institution der Sklaverei
eine zentrale Rolle. Sklave und Sklavin galten nicht als
personae, sondern als res (Sache), als Eigentum des Herrn.
Sie standen dem Herrn auch sexuell zur Verfügung und
davon Gebrauch zu machen, galt als normal.
Dies gilt in noch schärferer Weise für die „homosexu-
elle Praxis“ im römischen Reich zu Zeiten des Neuen
Testaments und der frühen Kirche. Diese hatte ihren
einzig legitimen und gesellschaftlich akzeptierten Ort im
Sklavenmilieu. ...In Rom war Homosexualität nicht nur
zwischen freien erwachsenen Männern, sondern auch mit
freien Knaben verpönt und vermutlich streng verboten.
Es blieben Sklaven und Prostituierte; letztere rekrutierten
sich jedoch wiederum aus Sklaven und Freigelassenen.
Maßgeblich für antike Homosexualität waren die Wahrung
der Altersdifferenz, der Standesdifferenz und der daraus
resultierenden Unterschiedlichkeit der sexuellen Rollen.
a) Homosexualität ist paiderastia, Knabenliebe, ... Es ging
um das Verhältnis eines Erwachsenen zu einem Kind bzw.
Jugendlichen im Alter von 12 bis etwa 17 Jahren. „Die
schönste Zeit des Knaben kommt mit dem 12. Jahr - und
ist vorüber, wenn Bart und Haar den kindlichen Reiz
entstellen.“
b) Die Knaben waren zugleich Sklaven. Sie wurden „deli-
cati“ oder „deliciae domini“ genannt. Man konnte sie auf
dem Sklavenmarkt kaufen, und sie gehörten - als Luxusar-
tikel zur Ausstattung eines jeden besseren Hauses, durchaus
auch schon der Mittelklasse. Als Alternative stand der
Gang ins Knabenbordell offen. Älteren Jugendlichen, den
so genannten „exoleti“, ließ man die Haare entfernen oder
verhinderte das Eintreten der Pubertät durch Kastration.
Durch solche Maßnahmen konnte man den Zeitraum, in
dem ein Jugendlicher sexuell zur Verfügung stand, mehr
als verdoppeln; 28 gilt als höchstmögliches Alter.
c) Die Alters- und Standesunterschiede kamen in den fest-
gelegten sexuellen Rollen zum Ausdruck. Gleichgeschlecht-
liche Beziehungen unter freien römischen Bürgern waren
deshalb unmöglich, weil dann einer der beiden Männer die
„weibliche“, nämlich passive Rolle übernehmen müsste.
... Wenn ein freier römischer Bürger die passive Rolle
freiwillig übernimmt, ist er „weibisch“ geworden und hat
aufgehört, ein Mann zu sein. Der Vorwurf der passiven
homosexuellen Betätigung war deshalb ein beliebter
Versuch, den politischen Gegner zu schädigen. ...
3) Die neutestamentlichen Texte
Diese im Imperium Romanum geübte und gesellschaft-
lich akzeptierte homosexuelle Praxis war die Zielscheibe
jüdischer und urchristlicher Kritik.
Im Neuen Testament finden sich drei Texte, die auf gleich-
geschlechtliche Sexualpraktiken Bezug nehmen: 1. Korin-
ther 6, 9 bis 11; 1. Timotheus 1, 8 bis 11, und Römer 1, 18
bis 32. An den Formulierungen aller drei Texte lässt sich
zeigen, dass sie sich im Zusammenhang antiken Denkens
bewegen und damals übliche Verhaltensweisen vor Augen
haben.